
6. November. Nachricht vom Kita-Team: In einer Gruppe wurden Kopfläuse festgestellt.
Ich hatte nie welche, aber der Satz landet wie ein Streichholz im Teppich. Du siehst nichts brennen – aber du weißt genau, dass es da unten schon irgendwo warm wird.
Am Folgetag findet man sich wie verabredet auf dem Parkplatz vor der Einrichtung ein. Niemand kommt auch nur auf die Idee, dass das eine mit dem anderen zu tun haben könnte.
Alles läuft wie geplant, weil im Kalender kein freies Feld für Bedenken ist.
Wir kommen pünktlich an. Erstmal: das große Rumgestehe. Eltern in Jacken, die noch Büroluft tragen. Grinsen, Grüßen, Smalltalk, Vergleichen. Bunte Laternchen wie kleine Trophäen. Man sieht sofort, wer das hier nicht zum ersten Mal macht und welche Hände selbst an der Schere geklebt haben, als ginge es darum, die eigene Unsicherheit mit Transparentpapier zu überdecken.
Ich stehe auch rum und lächle mit. Irgendwo weit hinten im Kopf ist da dieses leichte Jucken, als hätte der Satz von gestern seinen Platz auf meiner Kopfhaut gefunden.
Draußen ist noch alles harmlos: Lichter, Kinderstimmen, dünnes Papier, das plötzlich wichtig ist, weil es leuchtet. Ida steht da mit ihrer kleinen Laterne, als hätte sie eine Medaille gewonnen.
Für mich erleuchtet darin auch die halbe Nacht davor.
Pia und ich am Küchentisch. Halb zwei. Zwei leere Gläser. Und eine strähnige Löwenlaterne mit Pappteller-Rahmen, die sich benimmt wie ein Tier, das nicht gezähmt werden will. Kleber an den Fingern, Schere, Flüche, „Kann das jetzt mal halten?“ – und dieses neue Kinderzeug: LED statt Feuer.
Die weichgespülte Version einer Kindheitserinnerung, die nach Wachs gerochen hat – und nach Gefahr.
Heute flackert nichts. Alles leuchtet brav. Und trotzdem tun wir so, als wäre es irgendwie dasselbe. Wir haben das Ding gebaut, als würde es zählen. Und das tut es. Nur eben anders.
Dann geht’s los. Ein Pulk aus Kindern und Eltern schiebt sich ganz langsam in Bewegung, als wäre das hier ein großer Umzug und nicht einfach eine sehr süße Runde um den Block.
Wie immer scanne ich erstmal das Geschehen. Keine Neugier. Reflex. Das Jucken läuft mit, wie ein kleiner Reminder: Du bist nicht einfach nur Zuschauer heute.
Da ist ein Vater, der sich im Gehen als erstes eine Zigarette anzündet. Als müsste er sich gegen das Ganze immunisieren, bevor es überhaupt richtig losgeht.
Ida hat nach ein paar Metern keine Lust mehr zu laufen. Sie will Überblick. Also trage ich sie. Der Laternenstab wackelt. Mein Arm wird langsam schwer. Und während ich nebenbei noch in meiner unterschwelligen Mauligkeit bade, passiert etwas unerwartetes: Es wird ein Moment.
Vollmond über dem See. Stimmungsgeladenes Licht, das alles ein bisschen ehrlicher macht. Ein kurzes, inniges Familien-Kuscheln. Dann noch ein Selfie hinterher. Und für einen kurzen Abschnitt ist das hier wirklich ein romantischer Umzug.
Für zehn Minuten spielt der Abend auf unserer Seite.
Dann rein in die Kita. Buffet um winzige Holzhocker. Und ich merke schon an der Tür, dass ich hier eigentlich nicht rein will.
Das war die Zeit, als Magen-Darm überall rumging, als wäre es so ein neues Hobby, das man sich auf dem Parkplatz weitergibt. Ich trete über die Schwelle und sehe sofort: Kinder laufen, fassen, niesen, husten, reiben sich die laufende Nase und greifen dann in dieselbe Schüssel, nach der gleich ein Elternteil mit seinen freundlich gefalteten Serviettenhänden reicht.
Ich scanne. Keine Neugier. Gefahrenabschätzung. Und das Jucken wird nicht stärker. Es wird eindeutig. Wie so ein leises Hintergrundgeräusch, das man plötzlich zuordnet.
Die ganze Szenerie klebt: Stimmen, Jacken, Teller, Becher – der Rest sind Kinderhände. Es ist kein Chaos. Es ist Normalbetrieb.
Und in mir geht was an, das ich nicht abstellen kann. Ich will hier raus. Sofort.
Das Gemeine: Ich kann mich nicht einfach unwohl fühlen. Ich werde dabei auch noch überlegen.
Ekel nimmt einen Umweg über Moral. Aus „Ich will hier nicht sein“ wird „Ist das deren Ernst“. Aus „Ich bin überfordert“ wird „Was denken die sich“.
Ich sitze das nicht nur aus. Ich richte.
Ida steht neben mir und macht etwas, das mich trifft, ohne dass sie es weiß: Sie sieht sich um wie ich. Nicht kindlich, nicht verträumt – eher wachsam. Als würde sie prüfen, ob der Raum sicher ist.
Dann passiert es.
Ein älteres Kind, vielleicht vier, rennt aus dem Flur in den Raum und pfeffert Ida im Vorbeiziehen die Laterne aus der Hand. Kein Streit. Kein Geschrei. Nicht mal ein Blick. Nur ein Schlag mit der flachen Hand, als wäre die Laterne eine Störung im Verkehr.
Löwe prallt auf. Licht hängt raus. Und für eine kleine Weile ist nicht nur Papier geknickt.
Da fällt auch diese halb-zwei-in-der-Nacht-Marathon-Anstrengung mit zu Boden. Dieses „Wir haben das gemacht, damit Augen leuchten“. Und jetzt liegt es da, wie alles, was man zu wichtig nimmt.
Ida hat den Vorfall in Sekunden überwunden.
Aus mir platzt es raus, bevor irgendein erwachsener Teil in mir überhaupt mal anlaufen kann:
„Mistkind“
Das Wort ist schneller als mein Mensch. Es steht schon mitten im Raum, während ich noch so tue, als hätte ich es nicht gesagt.
Ich beiße mir auf die Lippe, als könnte man Silben zurück in den Mund drücken. Und sehe mich panisch um, ob irgendjemand gehört hat, was ich da gerade von mir gegeben habe.
Der sportliche Junge ist lange weg. Und Idas Ohren sind auch schon woanders. Nur die Ertapptheit steht direkt neben mir.
Und da ist es wieder, dieses Jucken – nicht am Kopf. Im Gewissen. Kurz, trocken. Nicht genug, um mich zu stoppen. Aber es reicht, um mich zu verraten: Ich vertrete mich selbst – als Kläger und Beklagter.
Und da ist er, der Punkt, an dem ich mich ertappe: Kontrolle. Fassade. Tonlage retten.
Pia ist genervt. Nicht wegen des Wortes. Wegen der Miesepetrigkeit, die ich seit der Tür mit mir rumschleppe wie einen triefenden Mantel. Ich bin schon die ganze Zeit gegen diesen Raum, gegen die Nähe, die klebrige Selbstverständlichkeit, dass man halt zusammensteht und isst und lacht, obwohl überall kleine Viren-Diplomaten rumlaufen.
Pia dagegen hat Spaß. Sie geht auf andere zu.
Sie nimmt sich vom Buffet, probiert alles, lacht mit anderen Eltern, steht da, als wäre genau das hier der Sinn von Kita: nicht nur Betreuung, sondern Dorf.
Gemeinschaft. Nicht „Kontamination“.
Ich sitze die Zeit ab wie Platzregen: Schultern hoch, Blick eng, innerlich schon im Treppenhaus.
Das Jucken bleibt. Es erinnert mich daran, dass ich gar nicht gegen den Raum bin, sondern gegen das Gefühl, das er in mir auslöst.
Wir gehen nach Hause. Es wird kein versöhnlicher Abend.
Nicht, weil ein Kind eine Laterne geschlagen hat. Sondern weil ich es nicht geschafft habe, zu bleiben, wo ich mich gerade unwohl fühle, ohne die Welt kleiner zu richten.
Was ich da eigentlich gemacht habe
Ich erzähle mir gern, ich wäre nur vorsichtig gewesen. Aber Vorsicht ist ruhig. Vorsicht lässt Raum.
Bei mir wird es nicht ruhig. Bei mir wird es eng. Sobald konzentrierte Nähe da ist — Hände, Stimmen, Husten, Buffet — schaltet mein System auf Angriff. Ich werde hektisch im Kopf und hart im Urteil, weil ich sonst nicht weiß, wohin mit dem Alarm.
Und dann sortiere ich. Als wäre das ein Softskill in meiner Vita:
Rücksichtslos.
Eklig.
Normal.
Drei Stempel, damit es kurz still wird. Ich spiele innerlich Gesundheitsamt in einer Turnhalle, getarnt als Prinzipien zum Überleben.
So fühlt es sich kurz an wie Stabilität. Wie: Jetzt hab ich‘s im Griff. Ich bin aber eigentlich nur wieder oben.
Und dann sitze ich da: Erwachsener Mann, statt Laternenbuffet so ein Wort im Mund, als wäre ich selber vier – bevor ich überhaupt entscheiden kann, ob ich so sein will.
Ida hat ihre kleine Laterne wieder. Papier geknickt, Licht noch an. Sie geht fröhlich müde mit uns zum Auto, als wäre das Leben nicht dafür gemacht, dass man alles kommentiert.
Und das ist es auch nicht.

Es gibt nur eine Motivation dieses ganze Spiel mitzumachen: du tust es für deine Tochter und zwar NUR für sie!
Ganz genau so ist es!! Der Körper hat das gleich begriffen. Der Kopf braucht einen Moment.