Der alte Mann und der Übergang

Wo zahlst du im Alltag drauf??

Der Kaffeesatz von gestern liest „Eintrittskarte“.

Ich halte sie in der Hand und komme trotzdem nicht rein – in den erlesenen Kreis fitter Väter Ü40, die Hantelscheiben zum Frühstück nehmen.

Auf dem Papier bin ich im Spiel. Nur… irgendwo im Dezembergrau hat mein Biss beim Training nachgelassen.

Und die Knochen verraten mich sofort:

Aufstehen kostet. Losgehen kostet – ich scheitere schon im Anlauf. Ich fühle mich wie ein alter Mann, bevor ich überhaupt in Bewegung bin.

Aber ich lasse es mir nicht nehmen:

Am 31. Mai geht es mit Clemens und Martin auf Feldexkursion ins Erzgebirge.

Zum SILBERSTROM CrossDeLuxe.

18 Kilometer. Schlamm, Hügel, nasse Griffe — und keine schöne Kulisse, die uns rettet.

Die Strecke bis dahin misst nicht Kilometer, sondern verbleibende Trainingstage.

Es sind 100, ab heute. Und heute beginnt nicht mit Training – heute beginnt mit dem „Dazwischen“.

Der Wasserkocher klickt. Gleich wird er brodeln. Und ich stehe da vor der Arbeitsplatte, als hätte ich nicht diesen roten Schalter, den man einfach umlegt.

Es ist gerade hell geworden. Winterlicht liegt auf dem Vinyl – nur da, wo ich stehe, kommt nichts davon an.

Stattdessen meldet sich mein Kopf wie ein pseudo-autoritärer Sicherheitsdienst: Betrieb, scannen, beschleunigen, weiter. Wie ein Bodyguard, der mich durch das Gemenge schiebt und meinem Körper Kontakt mit den Fans versagt.

Ich bin halt da und lasse mich schieben. Unten hält nichts dagegen.

Vor dem Küchenfenster kämpfen zwei Krähen auf überfrorenem Schnee um eine Eichel, als müssten sie sich ihre Nahrung verdienen.

Auf der anderen Straßenseite vor dem Haus mit dem Gingkobaum steht Manfred – ein rüstiger alter Mann mit Schneeschaufel in der Hand.

Er wirkt nicht sportlich. Nicht mal bereit. Und trotzdem hat er etwas an sich, das ich gerade noch nicht zuordnen kann.

Er steht nur da und guckt auf seine Füße. Neigt sich leicht von einer Seite auf die andere. Als wollte er Standfläche finden, bevor er Druck aufbaut. Sich organisieren, bevor er Gewicht nach vorn bringt. Es sieht aus, als ließe er die Schwerkraft nach unten durch und gäbe ihr kurz die Hand zum Gruß – bevor er anfängt die Schaufel zu führen.

Da weiß ich, was es ist.

Der alte Mann schafft Übergang

Ich überspringe meine.

Er setzt sich in Bewegung. Sein Rhythmus langsam, aber nicht wacklig. Nicht zufällig, ganz bewusst – tragfähig. Als hätte jeder Stoß eine Kante. Wie bei einer Dampflok, die nicht einfach losfährt, sondern erstmal Gewicht aufnimmt.

Manfred ist sicher doppelt so alt wie ich. Für ihn ist es Haltung unter Budget. Für mich ist es eine Automatik, die erstmal bewusst neu gebaut werden will.

Es klickt, noch während ich ihn beobachte – ich mache das blanke Gegenteil: Ich fliege.

Ich fliege vom Bett ins Bad, als wäre der Boden Lava. Vom Bad in die Küche als würde man mich jagen.

Ich greife haltlos nach meiner Tasse wie so ein Plüschtier-Automat – nicht wie eine Hand, die was tragen kann.

Ich bewege mich flüchtig, ohne Linie. Und dann wundere ich mich, dass ich mich nicht mehr spüre.

Gedankenloses Ausführen alltäglicher Bewegung, die keine Überwindung mehr kostet – und deshalb keine Spur mehr hinterlässt.

Bis es dann seine Spur hinterlässt – in der Hüfte, im Nacken, im Nachmittag.

Ich nehme meine Übergänge als Nebensache. Als das, was man möglichst schnell hinter sich bringt, um „endlich“ beim Eigentlichen zu sein.

Da verliere ich mich.

Nicht im Training. Im Dazwischen.

Übergänge sind Buchhaltung

Der Körper führt sie. Und ich tue so, als gäbe es keine Quittung.

Manfred bucht sauber: Stand, Gewicht, dann Schaufel.

Ich buche schlampig: Schwung, Eile – weiter.

Meine drei teuersten Übergänge bezahle ich mit „Sleepy Butt“ (hintern aus) und Schmerzen in der Hüfte:

1) Couch → Stehen / Stehen → Couch

Der Fehler: Abends zwischen Couch und Kühlschrank verhält sich mein Körper wie ein Sack Kartoffeln: kippt, rutscht nach, bleibt irgendwie liegen.

Der Preis: „Einfach aufstehen“ wird immer weniger einfach. Und von leidigen Stöhngeräuschen begleitet.

2) Bett/Bad/Treppe → Küche

Fehler: Ich bewege mich durch Räume, ohne zu bleiben. Kopf im Vorlauf, Körper hinterher. Im ersten kaum drin, gedanklich im nächsten.

Vorwärts ohne Boden.

Preis: Kopf laut. Atem flach. Morgens unruhig, nachmittags platt.

3) Boden → wieder hoch (Aufheben)

Fehler: Wenn was runterfällt, klappe ich zusammen wie ein Zollstock. Ich bücke mich nicht, ich knicke und kippe. Dann helfen meine Hände auf den Knien nach oben.

Preis: Beine und Hintern verkümmern, die Hüfte sammelt die Rechnung.

Diese drei Gebühren haben mir über Jahre mehr genommen, als mein Training mir eingebracht hat.

Jeder unsaubere Übergang kostet mich dreifach: Energie, Atem und Gelenke – weil Kraft nicht ankommt, sondern versickert.

Und das ist nicht nur Sport. Das ist gelebter Alltag: Treppe, Kind, Einkauf, Schreibtisch, Auto. Lastwechsel, den ganzen Tag. Übergänge sind die Stellen, an denen du dich trägst – oder den Tag über reparierst.

Im OCR kommt das brutal zurück: Griff gibt zu früh nach, Atem geht hoch, Schultern zahlen für die Mitte. Da draußen habe ich keine Zeit, Übergänge zu denken. Sie müssen sitzen, damit ich sie nicht denken muss. Damit ich im Chaos nicht falle — sondern lande.

Die Konsequenz daraus ist simpel: Ab heute trainiere ich nicht zuerst Kilometer, mehr Wiederholungen oder Härte.

Ich revidiere Übergänge – im Zeitlupentempo.

Vom Bett ins Bad. Vom Bad in die Küche. Couch rauf und runter – ohne Schwung.

Jeder kriegt eine Sekunde extra, in der ich mich sammle und organisiere. Ein kleines Protokoll, bevor ich weiterfliege:

SALVE.
Schwerkraft. Ankern. Last. Verteilen. Erden.

Ein Atemzug tief in die Flanken. Gewicht ausrichten. Dann erst weiter. Ein kleiner Gruß an die Schwerkraft, bevor ich sie übergehe.

Wenn ich das nicht wieder spüre und neu automatisiere, laufe ich den Tag nicht gegen 18 Kilometer – ich laufe gegen meine eigenen Reparaturen.

Komm mit mir rauf und runter von der Couch

Mach’s da, wo du dich abends fallen lässt.

Nicht im Training. Im Wohnzimmer. Zwischen Netflix und „gleich“.

Setz dich nicht einfach nur hin. Lande.

Nimm jeden Schwung raus, setz die Füße fest auf und senke dich langsam in Richtung Couch. Finde den tiefsten haltbaren Punkt, ohne dass das Polster übernimmt.

Der Körper organisiert sich – wenn du ihm Zeit gibst. Und dieser Punkt ist dein Beweis.

Halte ihn kurz. Suche nicht nach „Beinbrennen“, sondern nach Verrat an der Mitte:

Kippt das Becken ins Hohlkreuz, als würde der Rücken den Job der Beine mit übernehmen? Wandern Schultern nach oben, als müssten sie dich retten? Greifen Zehen in den Boden, weil unten nichts wirklich steht?

Wenn eins davon passiert: Du hast keinen Übergang. Du hast nur einen teuren Trick.

Bleib kurz sitzen und lass das sacken. Dann versuche nur eins zu korrigieren: Gewicht runter in den Rumpf. Standfläche spüren. Schultern locker und Rippen über der Hüfte. Wie ein bionischer Kohlenstoffpanzer.

Beug dich ganz langsam vor bis du dich trägst und halte den Punkt nochmal.

Couch loslassen. Last aufteilen. Ausrichten.

Nicht ziehen. Nicht drücken. Steigen.

Dann nochmal runter.

Nicht plumpsen. Nicht ausweichen. Führe dich zurück bis in denselben tiefsten Punkt — halten — dann setzen.

In Zeitlupe lässt dich dein Körper wissen, was du tun musst.

— Wenn du ihn lässt.

Mach das dreimal. Heute.
Und dann noch einmal auf dem Pott.

Nicht fürs Brennen. Für die Buchhaltung.

Wenn morgen der ganze Körper aufsteht, war das hier kein Training, sondern ein Übergang, der endlich korrekt verbucht wurde.

Zehn, zwanzig, fünfzig Mal am Tag.

Zinseszins auf korrekte Übergänge ist die beste Schraube, die du heute drehen kannst – ohne mehr zu investieren.

Du wirst nicht mehr fliegen. Du wirst landen. So, dass du direkt wieder abspringen kannst.

Wenn „Dazwischen“ sitzt, dann kommt das Tempo.

Jetzt geh und finde deinen teuersten Übergang. Schreib ihn mir in die Kommentare.

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2 Kommentare zu „Der alte Mann und der Übergang

  1. Der alte Mann hat viele Jahre dafür gebraucht um seinen Körpereinsatz jetzt im Alter optimal zu nutzen. Für die täglichen Aufgaben müssen seine Kräfte gut eingeteilt werden. Wenn ich meine Kräfte (z.B. bei der Gartenarbeit) nicht richtig einteile und nach einer Stunde nicht aufhöre, „bezahle“ ich das teuer: Kreuz-, Nacken-, Knieschmerzen. Warum war ich bloß wieder so unaufmerksam gegenüber meinem Körper? Auf der anderen Seite ist es toll, Zeit und Raum zu vergessen und über Stunden im Garten zu arbeiten…… Ich kann mich jeden Tag neu entscheiden, wie ich meinen Körper einsetze. Mir gefällt es sehr gut, 1/4 Stunde lang die Füße ganz langsam bewusst aufzusetzen und abzurollen oder QGong zu praktizieren. So spüre ich meinen Körper intensiv, freue mich über die Konzentration und „ZeitLUPE“!

    1. Grandios – genau das ist es!! Gestern hat sich mein Körper nach 45 Minuten Baumstumpf-Ausgraben zum ersten Mal gemeldet. Und so fand ich mich in eben diesem Dilemma, das du so treffend beschrieben hast. Man muss diesen Dialog erst führen lernen. Und wer es meistert, verdient Respekt. Noch wird mir mein Übermut in der Regel verziehen, aber die Signale sind klar formuliert. Und morgen werden sie lauter sein. Es ist fast ironisch, dass wir sie wegwischen, bis es weh tut, obwohl die Botschaft deutlich ist. Ich habe dann die Schuhe ausgezogen und mich nochmal 45 Minuten in den Unebenheiten des Rasens verloren :)

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